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Unglaubliche Texte über alltägliche Dinge des Lebens:






Viren - Die lauernde Gefahr!

Der Tod und andere Feinde des Menschen

Enzyklopädische Einträge (Edmons Wells)

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VIREN

Sie sitzen auf Türgriffen und Telefonhörern,
Büchern und Betten,
Geldscheinen und Kaffeetassen,
hocken auf Schuhen und Fingerspitzen,
lauern auf Tieren und Pflanzen,
schweben auf dem Wasser und im Wind.
Zu Myriaden und Abermyriaden bevölkern sie den gesamten Globus.
Winzige Gebilde sind es, nicht einmal mit einem Lichtmikroskop zu sehen.

Es ist eine unheimliche Sippschaft. »Schleim« und »Gift« nennen Forscher die Allgegenwärtigen — lateinisch Virus.
Eine Horde von Übeltätern, Experten der Zerstörung.
Kaum ein Lebewesen bleibt von ihnen verschont. Die Minimonster greifen Tiere, Pflanzen und sogar Bakterien an.
Und sie attackieren Menschen.
Krankheiten wie Masern und Mumps, Windpocken und Gürtelrose, Tollwut und Kinderlähmung, Schnupfen und Grippe, Röteln und Pocken, Herpes und Gelbfieber, Hepatitis, Hirnhautentzündung und AIDS gehen auf ihr Konto. Hunderte verschiedener Viren gibt es, die allein Homo sapiens zusetzen. Die gefährlichen Vagabunden haben Milliarden Menschen auf der Welt krank gemacht und Millionen umgebracht, und noch vielen mehr werden sie Leid zufügen oder gar das Leben nehmen. Seit über hundert Jahren versuchen Medizin und Wissenschaftler das Wirken der üblen Mikroben zu erforschen und sie zu bekämpfen. Doch noch immer steht das Heer der Virusforscher vor vielen ungelösten Rätseln. Und kaum ist ein Missetäter besiegt, tauchen plötzlich neue Killerkeime
auf, die keiner der Experten zuvor kannte. Sorgsam wachen Seuchenfahnder etwa bei den Centers for Disease Control (CDC) im amerikanischen Atlanta oder beim Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über Virenattacken, um verheerende Epidemien zu verhindern. Doch keinesfalls jeder Gefahr werden sie Herr. »Viren sind unsere einzigen und echten Rivalen um die Herrschaft über den Planeten«, sagt Genetiker und Medizin-Nobelpreisträger Joshua Lederberg von der Rockefeiler University in New York, »wir müssen auf Draht sein, um mit ihnen Schritt zu halten.« Der Kampf gegen die Krankheitskeime ist die große medizinische Herausforderung unserer Zeit. Selbst die simpelste Viruserkrankung, die Erkältung, haben die Forscher noch nicht besiegt. Geniest und gehustet wird von morgens bis abends, von Januar bis Dezember rund um den Globus. Und es scheint, als brächten die Viren ihre Opfer absichtlich dazu, den infektiösen Schleim auf diese Weise loszuwerden, denn so können sich die Keime optimal verbreiten. Mit kleinsten Staub- und Wasserteilchen schweben sie dann durch die Luft, um von einem Wirtsorganismus zum anderen zu wandern. Allein in Deutschland schlagen die Erreger, Rhinoviren genannt, etwa fünfzigmillionenmal im Jahr zu. Der volkswirtschaftliche Schaden, den sie verursachen, ist immens. Dreißig Millionen Arbeits- und Schultage werden in Amerika jährlich wegen Erkältungskrankheiten versäumt - das kostet zirka fünf Milliarden Dollar. Husten und Schnupfen, so haben Wissenschaftler herausgefunden, werden von mehr als zweihundert Erregerstämmen verursacht - so viele wurden bislang entdeckt, wahrscheinlich sind es noch viel mehr. Ein wirksames Gegenmittel haben Mediziner noch nicht. »Bis heute ist es nicht gelungen, auch nur eine einzige Impfsubstanz gegen Erkältungen herzustellen«, sagt Koen Andries, Virologe beim belgischen Pharmakonzern Janssen, »dabei brauchen wir genauso vie-le, wie es Schnupfenviren gibt.« Wer sich ansteckt, kann nur warten, bis alles wieder vorbei ist; bis die Millionen Keime im Nasen-Rachen-Raum ihr Werk einstellen und Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber und Mattheit abklingen. Im Kampf gegen eine andere Virenattacke hingegen hatten Mediziner und Forscher beachtlichen Erfolg - und die Erreger waren keineswegs so harmlos: die Pocken. Die lebens-gefährliche Infektionskrankheit tauchte vor zweitausend Jahren nur in Indien und Vorderasien auf, kam dann mit Reisenden und Entdeckern nach Japan, Europa und Nord-afrika. Eroberer brachten sie nach Australien und Amerika. Historiker glauben, daß etwa der Spanier Hernando Cortez im Jahre 1521 die Azteken weniger mit Waffengewalt als mit Hilfe der Pockenviren überwand. Einige Männer von Cortez kleiner Truppe litten unter der Infektion, die schon lange in Europa grassierte, und steckten ihre übermächtigen Gegner an. Die Folge: Eine verheerende Epidemie begann unter den Indianern zu wüten - und Cortez konnte Mexiko erobern. Die Pocken, auch Blattern genannt, rafften allein in Europa Millionen Menschen dahin. Im 18. Jahrhundert etwa starben auf dem Kontinent vierhunderttausend an der Seuche. Und noch in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts er-krankten laut WHO weltweit hunderttausend Männer, Frau-en und Kinder an Pocken. Der Erreger wird durch unmittelbaren Kontakt von Mensch zu Mensch oder mit der Atemluft übertragen. Er vermehrt sich zunächst in Mund, Rachen und Luftröhre. Dann wandert er in die Lunge und ins Blut, an-schließend befällt die Mikrobe Magen, Darm, Milz, Leber und Nervenzellen. Auf der Haut des Erkrankten bilden sich zahlreiche rote Flecken, die zu Bläschen und Pusteln wachsen - sie sind voller Pockenviren. Wer zu den fünfzig bis achtzig Prozent der Infizierten gehörte, die den Angriff der Keime überlebten, war für den Rest seiner Tage gezeichnet:

Eine gräßliche Narbenlandschaft entstellte Körper und Gesicht.

Der grausamen Krankheit Einhalt gebieten konnte erst eine Entdeckung des Engländers Edward Jenner. Der Landarzt, der vor zweihundert Jahren in der Grafschaft Gloucester-shire praktizierte, stellte fest, daß während einer örtlichen Pockenepidemie die Melkerinnen fast ausnahmslos von dem Übel verschont blieben. Er fand heraus, daß die Frauen sich irgendwann vorher mit Kuhpocken infiziert hatten, einer leichten Form der Erkrankung; damit waren sie vor der schweren Attacke geschützt. Das brachte den Arzt auf eine Idee: Er spritzte Menschen die weniger gefährlichen Erreger ins Blut. Die Behandelten wurden immun und waren nun vor dem todbringenden Pockenvirus gefeit. Damit hatte Jenner die Schutzimpfung erfunden. Anderswo griffen Mediziner den Trick des englischen Landarztes auf, und bald wurde in Europa und anderswo die Vorbeugungsmaßnahme zur Pflicht. Sie befreite ganze Nationen von der gräßlichen Geißel.

1966 startete die WHO ein Programm, um die Seuche weltweit auszurotten. Gesundheitsbeamte wurden losgeschickt, um selbst in den entlegensten Gegenden der Erde nach Menschen zu suchen, die von Blattern befallen waren. Die WHO-Fahnder impften alle Personen, mit denen die Infizierten Kontakt hatten. Als letzten Pockenkranken der Welt machten die Seuchendetektive im Jahr 1977 den Somalier Ali Maolin ausfindig - seither gelten die Blattern als besiegt. Allerdings gab es ein Jahr später noch einmal zwei Fälle im englischen Birmingham, und zwar als Folgen eines Unfalls in einem Labor, in dem Wissenschaftler das Virus untersucht hatten. Seither existieren die mikroskopischen Massenkiller nur noch tiefgekühlt hinter dicken Mauern im Hochsicherheitstrakt der CDC in Atlanta und in einem weiteren Labor in Moskau. Nun will die WHO auch diese Restbestände exekutieren, in luftdichten Kammern sollen die Keime bei 120 Grad 45 Minuten gesiedet werden. Sicherheitshalber sollen die abgetöteten Erreger dann noch verbrannt werden.

Warum Wissenschaftler in einem Fall so viel Erfolg gegen Viren haben, im anderen jedoch überhaupt nichts auszu richten vermögen, hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. Etwa von dem Aufwand, den die Mikrobenjäger zur Erforschung und Bekämpfung der Krankmacher treiben. »Bei globalen lebensgefährlichen Seuchen ist der wissenschaftliche Einsatz sicher größer als bei relativ harmlosen oder lokalen Epidemien«, sagt Professor Herbert Schmitz, Virologe am Hamburger Tropeninstitut, »allein schon deshalb, weil die Pharmaindustrie als einer der großen Geldgeber manchmal ein großes und manchmal nur ein kleines Geschäft wittert.« Darüber hinaus liegt es natürlich auch am Feind, gegen den die Virologen zu Felde ziehen. Denn Viren sind Weltmeister im Erfinden von Strategien bei ihren Attacken auf Organismen. Außerdem wechseln viele Erreger immer wieder ihr Erscheinungsbild, und jede Art ist anders gebaut. Wie vielfältig ihr Formenreichtum ist, offenbart sich unter dem Elektronenmikroskop. Die kleinsten aus der Sippe messen 0,000 02 Millimeter, von ihnen hätten hundert Billiarden in einem Kubikzentimeter Platz; die größten bringen es etwa auf die hundertfache Ausdehnung. In diesen unterschiedlichen Formaten gibt es sie als Kugeln, Stäbchen und lange Fäden, Zylinder, Spiralen, stachelige Gebilde oder Strukturen mit vielen Flächen. Und manche sehen gar wie Weltraumlandefähren mit abgeknickten dünnen Stelzbeinen aus. Ob Mikro-Spaghetti oder Mini-Igel - in ihrer Feinstruktur bestehen fast alle Viren aus einer Hülle und einem Capsid. Die Hülle ist aus Lipiden, Fettsäuren, gebaut. Das Capsid wird aus Proteinen, Eiweißen, gebildet. Im Inneren befinden sich Nukleinsäuren: entweder Ribonukleinsäure (RNA) oder Desoxyribonukleinsäure (DNA); lange Kettenmoleküle, die aus kleineren Molekülen, Nukleo-tiden, zusammengesetzt sind. Diese kodieren durch die Art und Weise ihrer Anordnung die genetische Information. »Die kleinsten Viren haben dreitausend Nukleotide«, weiß Virologe Schmitz, »die größten einige Hunderttausend.«

Aufbau verschiedener Viren

Der Bauplan der meisten Viren
a) ist sehr einfach: Sie bestehen aus Nukleinsäure (DNA oder RNA), der Trägerin der Erbinformationen, und einer Hülle aus Proteinen. Viele Viren haben zusätzlich noch eine zweite Hülle aus Lipiden.
b) Tabakmosaikvirus mit zylindrischer Proteinhülle;
c) Rhinovirus ohne Lipidhülle und mit Ikosaedersymmetrie;
d) Grippevirus, dessen Lipidhülle mit Stacheln aus Eiweißmolekülen gespickt ist;
e) T-4 Bakteriophage, ein Virus ohne Lipidhülle von komplexer Struktur;
f) Ebola-Virus, besteht aus einem RNA-Faden, einer Protein- und Lipidhülle.

Manche der Nukleinsäure-»Päckchen« sind ausgesprochen empfindlich wie etwa der AIDS-Erreger. An der Luft oder im Wasser, fernab von jedem »Nährboden«, verliert er seine Wirkung schon nach ein paar Minuten. Andere Keime sind sehr widerstandsfähig. Sie können Stunden und Tage schadlos ohne jede Zelle überstehen und nach dem Dornröschenschlaf zuschlagen. Zu solchen hartnäckigen Typen zählen beispielsweise das Pockenvirus und der Polioerreger, der die Kinderlähmung verursacht. Tiefe Temperaturen vertragen die meisten sehr gut; minus 196 Grad Celsius von flüssigem Stickstoff sind kein Problem für sie. Doch bei hohen Temperaturen gehen sie alle zugrunde.

Die Gefährlichen sind hilflose Geschöpfe: Sie haben keinen eigenen Stoffwechsel, können nicht selbst Energie erzeugen und sich nicht ohne fremde Hilfe vermehren - geschweige denn sich selbständig bewegen. Viren sind keine Lebewesen, sondern ähneln eher Kristallen, wie schon 1935 der amerikanische Biochemiker und Nobelpreisträger Wendel Stanley feststellte, als er aus Pflanzenzellen das Tabakmosaik-Virus isolierte.

Ziellos treiben die Winzlinge in der Welt dahin, bis sie zufällig eine geeignete Zelle finden. Das ist nicht irgendeine beliebige, es muß eine sehr spezifische sein. So hat ein Schnupfenvirus nur an Zellen in der Nase Interesse, Leberoder Darmzellen etwa läßt es links liegen. Auf Leberzellen wiederum sind Hepatitisviren spezialisiert und das Ziel von Polioviren sind Zellen des Gehirns. AIDS-Viren sind auf weiße Blutkörperchen aus und haben mit anderen Bausteinen des Organismus nichts im Sinn. Und es gibt sogar Viren, Bakteriophagen genannt, die ausschließlich Bakterien und dann meist nur eine einzige Art davon befallen. Sie können Bakterien so verändern, daß sie zur tödlichen Bedrohung werden. Wissenschaftler vermuten, daß die Streptokokkeninfektionen, die im Mai 1994 in Südengland Schlagzeilen machten, durch solche »scharf« gemachten Bakterien verursacht wurden. Damals starben mindestens sechs Briten daran. Ihre Haut und ihre Organe verwandelten sich innerhalb von Stunden in totes Gewebe. Ob ein Bakterium oder eine Körperzelle der Bestimmungsort ist - an der »richtigen« Stelle legen die Viren los, entfalten ihr zerstörerisches Potential. Die Parasiten werden zu Piraten. Sie krallen sich an die Zellmembran und dringen ins Innere des biologischen Bausteins ein. Wie sie da hineinkommen ist für Virologen oft noch ein Rätsel. Manche machen es mit List und Tücke, andere offenbar mit Gewalt. Das Grippevirus etwa, so haben Wissenschaftler entdeckt, katapultiert sich mit einer raffi-

nierten mechanischen Sprungfeder ins Innere. Dort lassen sie ihre Hüllen fallen und geben ihre Nukleinsäuren mit den genetischen Informationen frei. Diesen fremden Anweisungen muß die Zelle nun Folge leisten. Statt neuer Zellprodukte werden jetzt neue Viren produziert - das eroberte Terrain wird zur Virenfabrik. Und dort geht es zu wie am Fließband. Denn der Output neuer Krankheitskeime kann ein irrwitziges Tempo annehmen.

Eine einzige Zelle schafft es, in wenigen Stunden Hunderte neuer Viren herzustellen. Diese Tochterparasiten brechen aus ihrer Geburtsstätte aus und lassen sich in die Blutbahn schwemmen. Der Lebenssaft transportiert sie dann zu neuen Zielen - als genetische Kuckuckseier. Der menschliche Organismus ist den heimtückischen Schmarotzern jedoch nicht schutzlos ausgeliefert. Er hat ein Abwehrsystem. In Blut und Lymphe patrouillieren ständig Wächter, die Eindringlinge aufspüren und vernichten. Während Bakterien von sogenannten Freßzellen (Makro-phagen) eingefangen und »verspeist« werden, sind Viren dem Angriff eines ganzen Verbunds von Antikörpern ausgesetzt. Dieses Immunsystem hat eine hochkomplexe Organisation. Bei vielen Attacken ist es siegreich. Doch manche Viren haben Strategien entwickelt, mit denen sie die Verteidigung des Organismus trickreich überlisten können. Dann ist es meist schwierig, den Erkrankten wirksam Hilfe zu leisten. Zwar versuchen Forscher Mittel zu entwickeln, die in die einzelnen Schrittfolgen der Virenvermehrung eingreifen und so die Ausweitung einer Infektion verhindern sollen, doch: »Generell gibt es keine Chemotherapie gegen Viren«, sagt Herbert Schmilz, »und in den Fällen, wo eine entwickelt wurde, nur mit enormen Nebenwirkungen. Denn ein allgemein gegen Viren gerichtetes Medikament greift auch immer die Zelle an.« So bleibt oft nur eine Vorbeugemaßnahme bei drohender Infektion: Impfen - ähnlich wie es Jenner bei den Pocken tat. Dabei gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten. Entweder werden abgetötete Krankheitskeime oder enge, aber harmlose Verwandte des Erregers injiziert. Auf diese vermeintliche Bedrohung reagiert das Immunsystem mit der Produktion von Abwehrstoffen. Der Organismus »speichert« sie und kann später bei einer »wirklichen« Ansteckung erfolgreich den Kampf aufnehmen. Noch keinerlei Rezept haben Virologen und Mediziner jedoch gegen eine Mikrobe gefunden, die Millionen Menschenleben bedroht. Anfang der achtziger Jahre fiel amerikanischen Ärzten auf, daß das eigentlich sehr seltene Kaposi-Sarkom, ein bösartiger Hauttumor, und die ebenfalls nur vereinzelt vorkommende Lungenentzündung durch das Bakterium Pneumocystis carinii plötzlich auffallend häufig auftraten. Sie nannten die Krankheit AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome). Wenige Jahre später gelang es einer von Luc Montagnier geleiteten Forschergruppe des Pariser Pasteur-Instituts, ein Virus als Ursache zu isolieren. Es wird »Humanes Immunde-fizienz-Virus« (HIV) genannt. Inzwischen haben Wissenschaftler festgestellt, daß es sogar eine ganze Reihe verschiedener Varianten dieses Erregers gibt. Die Mikroben stammen mit größter Wahrscheinlichkeit aus dem afrikanischen Regenwald. Die meisten AIDS-Experten vermuten, daß die Keime irgendwann von Grünen Meerkatzen auf Menschen übertragen wurden. Die allererste Infektion mag Jahrzehnte, vielleicht aber auch sehr viel weiter zurückliegen.

HI-Viren lassen sich in Blut, Sperma, Scheidensekret, Speichel und Tränen nachweisen. Beim Geschlechtsverkehr mit einem Infizierten oder beim Stich mit einer verunreinigten Nadel können sich Gesunde anstecken - dann kann es bis zum Beginn des Leidens Jahre dauern. Mediziner sind sich allerdings noch nicht sicher, ob die Krankheit tatsächlich bei allen Infizierten zum Ausbruch kommt. Es gibt Menschen, die sich vor zehn Jahren angesteckt haben, aber bisher noch keine Symptome zeigen. Die Erreger haben eine heimtückische Strategie entwickelt. Sie unterlaufen alle Abwehrmechanismen des Körpers und dringen sogar in die sogenannten T4-Helferzellen ein, spezielle weiße Blutkörperchen, die eine zentrale Rolle im Immunsystem spielen. T4-Helferzellen koordinieren den Kampf gegen Eindringlinge und die Erzeugung von Antikörpern. Obendrein befallen HI-Viren auch noch die Makropha-gen, die ständig den Körper bedrohende Bakterien auffressen. Die Folge: Teile des Immunsystems produzieren nun selbst neue HI-Viren - und gehen dabei zugrunde. So wird im Lauf der Zeit die Abwehr immer stärker gestört. Krankheitskeime, die im Normalfall erfolgreich bekämpft werden, können sich nun ungehindert vermehren. Infektion folgt auf Infektion, der Körper wird immer schwächer. Organe erkranken - schließlich stirbt der Patient. Ein Schicksal, das inzwischen vierzehn Millionen Menschen auf der ganzen Welt droht - so viele HIV-Ansteckungen meldete die WHO 1993. Für das Jahr 2000 rechnet die Weltgesundheitsorganisation sogar mit vierzig Millionen Infizierten. Das HI-Virus ist nicht der einzige Erreger, der in den letzten Jahrzehnten neu auftauchte. Immer wieder entdeckten Vi-rologen bislang unbekannte Keime. Im Jahre 1967 erkrankten plötzlich in Marburg, Frankfurt und Belgrad Laborangestellte, die mit Zellkulturen aus den Nieren von Grünen Meerkatzen aus Uganda hantiert hatten. Die Kranken bekamen sogenanntes hämorrhagisches Fieber: Die Körpertemperatur stieg, auf der Haut bildeten sich Flecken. Dann fingen Haut und innere Organe zu bluten an - und es hörte nicht mehr auf. Auch Pflegepersonal und die Frau eines Infizierten zeigten nach kurzer Zeit diese Symptome; insgesamt waren es einunddreißig Menschen. Sieben von ihnen

starben. Als Erreger isolierten Virologen einen Keim, den sie nie zuvor gesehen hatten. Sie nannten ihn Marburg-Virus. Die Affen, die zu Forschungszwecken aus Afrika importiert worden waren, hatten die Mikrobe eingeschleppt. Von den Tieren war sie auf Menschen übergegangen. In den siebziger und achtziger Jahren erkrankten erneut einige Personen am Marburg-Fieber - alle waren entweder in Afrika gewesen oder mit dort Infizierten in Kontakt gekommen. 1976 löste ein verwandter Erreger im Sudan und in Zaire Epidemien aus. Im südlichen Sudan, im Städtchen Nzara, brach plötzlich der Lagerverwalter einer Baumwollfabrik zusammen und verblutete innerlich. Bald darauf starben auf die gleiche Weise einige andere Angestellte. Dann verbreitete sich der Erreger in der ganzen Stadt und gelangte irgendwie ins Krankenhaus der Ortschaft Maridi. Durch die Mehrfachverwendung von Spritzen brach dort eine Epidemie aus und verwandelte das Hospital in eine Leichenhalle. So unversehens wie die Mördermikrobe gekommen war, verschwand sie auch wieder. Doch zwei Monate später brachte sie 800 Kilometer weiter westlich in einer Missionsstation den Tod. Insgesamt erkrankten damals über fünfhundert Menschen an der Seuche, mehr als vierhundert-dreißig starben. Drei Jahre später kam es erneut zu einem Ausbruch des Ebola-Virus. So tauften Wissenschaftler den Keim - nach einem Fluß in Zaire. Virologen versuchten immer wieder, die Wege zurückzuverfolgen, die sowohl der Ebola- als auch der Marburg-Erreger von einem Infizierten zum nächsten genommen hatten, um deren Ursprung ausfindig zu machen. Alles deutet darauf hin, daß beide Varianten irgendwo im Tierreich schlummern. Grüne Meerkatzen konnten Forscher als Reservoir ausschließen; während der ersten Marburg-Epidemie etwa waren sie nur Zwischenwirte. Trotz intensivster Fahndung nach möglichen Quellen in der Fauna des afrikanischen

Urwalds wissen Virologen bis heute nicht, wo sich die Keime genau verstecken - verstecken, bis es zu einem neuen Angriff kommt.

Marburg- und Ebola-Viren, so ergaben elektronenmikroskopische Analysen, haben die Form langer Fäden. Deshalb fassen die Wissenschaftler sie mit dem Begriff Filoviren zusammen. Die Länge der 0,00008 Millimeter dünnen Erreger variiert stark und kann bis zu 0,014 Millimeter betragen. Oft sind die Mikroben zu einem »U«, zu einer »6« oder zu einem Kreis geschlungen. »Zum großen Teil sind die Nukleo-tide von >Marburg< und >Ebola< identisch«, sagt Herbert Schmitz vom Hamburger Tropeninstitut, in dessen Hochsicherheitslabor Proben beider Keime zu Untersuchungszwecken lagern, »doch die Unterschiede sind noch so groß, daß das Immunsystem keinen Schutz vor der einen Infektion aufbaut, wenn man die andere bereits durchgemacht hat.« Bei Raumtemperatur bleiben die Keime, die sich vorwiegend in der Leber, offensichtlich aber auch in den Wänden der Blutgefäße vermehren, sehr lange infektiös. Erst wenn sie 30 Minuten lang auf 60 Grad erhitzt oder mit UV- oder Gammastrahlen behandelt werden, sind sie unschädlich. Eine wirksame Waffe gegen sie haben Mediziner nicht. Um das Infektionsrisiko zu begrenzen, muß ein Kranker schon beim geringsten Verdacht isoliert werden. Zudem müssen Schwestern und Ärzte beim Umgang mit Blut und Ausscheidungen des Patienten größte Vorsicht walten lassen. Bei den Infizierten selbst können nur die Symptome behandelt werden: Es müssen Medikamente verabreicht werden, die die Blutungen stillen und das Immunsystem stärken. Dann bleibt nur abzuwarten, ob der Kranke es schafft, mit der Ansteckung fertig zu werden. Virologen fanden in den letzten Jahrzehnten noch eine ganze Reihe neuer Killermikroben. Etwa das Lassa-Virus, benannt nach einem Dorf in Nigeria, wo es 1969 zum erstenmal eine Epidemie verursachte. Die Infizierten bekommen Angina, übergeben sich, haben Bauchschmerzen und Husten. Dann treten Ödeme, Blutungen und Schock auf. Die meisten Erkrankungen verlaufen relativ leicht, doch ein Teil der Leidenden überlebt die Ansteckung nicht. In Afrika infizieren sich bis zu dreißigtausend Menschen jährlich, etwa fünftausend sterben an Lassa-Infektionen. Verwandte Viren tauchten in Südamerika auf. In Argentinien wurden sie Junin- und in Bolivien Machupo-Viren getauft. Sie verursachen ebenfalls hämorrhagische Fieber, die in vielen Fällen tödlich verlaufen. Die Erreger stammen von Nagetieren und »überleben« in deren eingetrocknetem Urin und Kot. Mit dem Staub werden sie durch die Luft transportiert und können dann Menschen infizieren. Nager-Parasiten schlugen auch in Brasilien zu. Im Januar 1990 wurde eine fünfundzwanzigjährige Landwirtschaftsingenieurin mit hohem Fieber, Kopfschmerzen und Übelkeit in ein Krankenhaus in Säo Paulo eingeliefert. Keiner der Ärzte wußte Rat. Dann fingen innere Organe der Frau zu bluten an. Nach ein paar Tagen starb sie. Das Virus, das Wissenschaftler isolierten und Sabia nannten, stammte offensichtlich von Mäusen oder Ratten. Wie auch das Four-Corners-Virus, das US-Forscher 1993 identifizierten. Seit 1990 hat die Mikrobe mindestens zwanzig Menschen in Amerika umgebracht - meist Navajos, die im Grenzgebiet von New Mexico, Arizona, Colorado und Utah, der »Four-Corners-Region«, lebten. Der Keim haust in der dort heimischen Hirschmaus, die Vorräte und Wohnungen infiziert. Und 1977 kam es in Ägypten zu einer mysteriösen Epidemie. Im Niltal erkrankten zwanzigtausend Menschen an Hirnhautentzündung, wurden blind, bekamen Leberschäden oder Hautblutungen. Sechshundert überlebten die Infektion nicht. Als Verursacher entdeckten Wissenschaftler ein Virus, das zuvor nur Schafe, Ziegen und Rinder getötet hatte und unter den Tieren bereits in den dreißiger Jahren im Rift-Valley in Kenia entdeckt worden war. 1988 wütete der aggressiv gewordene Keim erneut in Mauretanien. 1264 Bewohner des nordwestafrikanischen Landes erkrankten, 224 Menschen kamen um. Das Rift-Valley-Virus wird hauptsächlich durch Moskitos übertragen - achtzehn verschiedene Mückenarten stehen bislang als Keimtransporteure fest. Die Liste neuer Virenattacken will kein Ende nehmen. Forscher wissen schon bald nicht mehr, wie sie die Erreger nennen sollen, die sie entdecken. So tauchte etwa im Jahr 1993 eine Mikrobe im südsudanesischen Regenwald auf, die unter »X« registriert wurde. Der bis dato unbekannte Winzling brachte Tausende Menschen um und verschwand dann wieder.

Virologen rechnen damit, daß es Homo sapiens in Zukunft mit einer ganzen Reihe weiterer geheimnisvoller Viren zu tun bekommen wird. Ob sie alle nur noch nicht entdeckt oder wirklich neu sind, können die Keimkenner kaum entscheiden. Auf alle Fälle entwickeln sich Viren permanent weiter. »Der ständige Evolutionskampf zwischen dem Wirt und seinen Parasiten, in dem beide Seiten einen Vermehrungsvorteil erringen wollen«, sagt Arnold Levine, Virologe von der Princeton LJniversity in New Jersey, »sorgt dafür, daß dauernd neue infektiöse Erreger entstehen.« Der einfache Bau der Keime, ihre riesige Zahl und große Vermehrungsrate sind optimal für permanente Veränderungen. Denn in den Nukleinsäuren finden dauernd Mutationen und Rekombinationen statt - so entstehen immer neue Varianten. Denen gelingt es beispielsweise, ihren ursprünglichen Wirt zu verlassen und sich in andere Organismen einzunisten. Vor allem die Tropen mit ihrer vielfältigen Tierwelt scheinen solch ein großes Potential gefährlicher Mikroben zu bergen, die auf Eroberungsfeldzug unter Zweibeinern gehen können.

»Auch das Vordringen des Menschen in bislang unberührte Natur spielt eine wichtige Rolle«, sagt Herbert Schmitz. Durch Eingriffe ins ökologische Gleichgewicht des Planeten verändern sich die Lebensgewohnheiten von Tieren, die Viren beherbergen. Und damit bekommen die Parasiten einen neuen Wirkungskreis. In Afrika etwa sind deshalb die Affenpocken auf dem Vormarsch. »Wahrscheinlich stammen sie von Erdhörnchen«, vermutet Schmitz, »weil afrikanische Kinder auf Flächen spielen, die ihre Eltern gerodet haben. Da kommen die Kleinen irgendwie mit den Exkrementen der dort lebenden Erdhörnchen in Berührung.« Die Spielenden infizieren sich, bekommen Affenpocken, und manche sterben daran. »Das Revier der Erdhörnchen war früher der Wald, der nun verschwunden ist; nur langsam ziehen sie sich ins verbliebene Gehölz zurück.« Wenn Viren einmal den menschlichen Organismus erobert haben, sind ihre Vermehrungschancen gut wie nie zuvor. Denn die ständig wachsende Erdbevölkerung und die daraus resultierende Enge in den Slums ausufernder Millionenstädte macht es den Erregern immer leichter, von einem Opfer zum nächsten zu wandern. Obendrein sorgt die steigende Mobilität für eine globale Verbreitung im Düsenjet-Tempo. Mit dem Massentourismus kann aus einer lokalen Epidemie im Nu eine weltweite Seuche werden. Die Bedrohung wird noch unheimlicher, seit Wissenschaftler herausgefunden haben, daß nicht nur komplette Viren, sondern offensichtlich sogar schon »Bruchstücke« gefährlich werden können. So haben Forscher Keime gefunden, die nur aus einem Virenkern ohne Hülle, also aus nackten Nu-kleotiden bestehen. Allerdings wurden solche als Viroide bezeichneten Gebilde bislang nur bei Pflanzen entdeckt; sie machen beispielsweise Chrysanthemen, Gurken und Kokospalmen krank. Außerdem können offensichtlich allein bestimmte Proteine, die normalerweise in den Caspiden von Viren vorkommen, Infektionen verursachen. Solche Keime, Prione genannt, sind vermutlich für die Schafskrankheit Scrapie, den Rinderwahnsinn und die Creutzfeld-Jacob-Krankheit beim Menschen verantwortlich. Alle drei sind Infektionen des Zentralnervensystems, bei denen das Hirn zu einem löchrigen Schwamm degeneriert und der Tod unausweichlich ist. Erwiesen ist, daß der Erreger vom Schaf aufs Rind übergegangen ist - in England sind inzwischen über hundertdreißigtausend Rinder am Wahn verendet. Doch bis heute ist nicht geklärt, ob es derselbe Erreger ist, der den Menschen krank macht und ob sich der Zweibeiner beim Rindfleischverzehr anstecken kann. Noch etwas anderes Beunruhigendes haben Forscher entdeckt: Viren können sogar Krebs verursachen. Molekularbiologen fanden heraus, daß einige Keime in ihrem Erbgut ein Onkogen, ein Krebsgen, tragen, das sie bei der Infektion an den Wirt abgeben. Wenn ein solches Virus seine Nukleo-tide in den Kern einer Wirtszelle einschleust, kann es zur Katastrophe kommen - dann reagiert die Zelle nicht mehr auf die sie kontrollierenden Signale des Körpers und wird zur wuchernden Tumorzelle. Dasselbe Gen jedoch gibt es auch im gesunden Organismus von Tier und Mensch. Dort kann es existieren, ohne krank zu machen. Wissenschaftler vermuten, daß dieses Onkogen zu den Lebewesen gehört und irgendwann einmal in der Entwicklungsgeschichte von Viren aus anderen Organismen »entwendet« wurde. Viren haben diese Gene in ihr eigenes Erbgut eingebaut und so »scharf« gemacht, daß sie nach einer Infektion Krebs auslösen können.

Weil dieses Onkogen bei einer ganzen Reihe von Lebewesen gefunden wurde, glauben seine Entdecker Michael Bishop und Harold Varmus von der University of California in San Francisco, daß Viren an der Evolution kräftig mitgewirkt haben könnten. »Vielleicht sind Virenübertragungen von DNS-Molekülen eine wichtige Ursache für die genetische Vielfalt des Lebens«, vermutet auch Michael Syvanen. Den Molekularbiologen von der University of California in Davis verblüfft, daß nach dem Aussterben der Dinosaurier auf der Erde vor fünfundsechzig Millionen Jahren die Zahl der Säugetierarten sehr schnell zunahm. Im Schatten der Riesenechsen lebten nur wenige dieser Spezies. Doch schon in der relativ kurzen erdgeschichtlichen Spanne von zehn Millionen Jahren wurde daraus ein breites Spektrum: Nager, Beuteltiere, Rüsseltiere, Wale, Seekühe, Paarhufer, Primaten und andere. Syvanens These zu dieser rapiden Differenzierung: Die Evolution, eigentlich ein eher gemächlicher Prozeß, wurde durch Viren beschleunigt. Die Keime haben als Gen-Boten gewirkt. Erbmaterial bei einem Wirt aus- und bei einem anderen wieder eingebaut. So wurde genetische Information von Art zu Art übertragen und wirkte schneller als Mutationen, natürliche Auswahl und Vererbung. Solchen Spekulationen zufolge haben die Krankmacher dann auch eine Daseinsberechtigung: »Wenn Viren wirklich nur lästige Gebilde wären«, sagt Syvanen, »müßte man erwarten, daß Zellen mit großem Aufwand eine Resistenz gegen die Erreger aufbauen. Das tun sie auch in gewissem Maße, aber in anderer Hinsicht kommen sie den Viren wieder sehr weit entgegen.« Offensichtlich lädt das Leben die Schädlinge, die es bekämpft, gleichzeitig regelrecht ein - als Entwicklungshelfer.

Horst Güntheroth in HOT ZONE (Richard Preston)


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Der Kampf gegen den Feind in dir selbst!

KAMPF GEGEN DAS SOZIALE SYSTEM
Dein ertser Feind ist kubisch, gigantisch, kalt.
Er ist mit Raupenketten ausgestattet, die alles zermalmen.
Es ist das soziale System, in das du eingebunden bist.
Auf seinen Türmen erkennst du mehrere Köpfe.
Darunter sind die
deiner Lehrer,
deiner Chefs in der Hierarchie,
der Polizisten,
der Soldaten,
der Priester,
der Politiker,
der Funktionäre,
der Ärzte,
die dazu da sind, dir immer zu sagen, ob du gut oder schlecht gehandelt hast. Und die dir das Verhalten vorgeben, das du an den Tag legen mußt, um in der Herde zu bleiben.
Es ist das System.
Du kannst scheinbar nichts gegen es ausrichten.
Wenn du es angreifst, bombardiert dich das System mit Papier:
Zeugnisheften,
Strafzetteln,
Sozialversicherungsformularen, die du ausfüllen mußt, um dein Geld erstattet zu bekommen,
überfälligen Steuerbescheiden, bei denen bereits ein Säumniszuschlag erhoben wurde,
Entlassungsbescheiden,
Erklärungen über den Ablauf des Anspruchs auf Arbeitslosenunterstützung,
Rechnungen für Wohnungsmiete, Strom, Telefon, Wasser, Gemeindesteuer, Grundsteuer, Gebühren, Pfändungsbescheiden, einer Androhung, auf die Schwarze Liste gesetzt zu werden,
Vorladungen zur Klärung deiner familiären Situation,
Anmahnungen der Personenstandsurkunde, datiert vor zwei Monaten...
Das System ist zu groß, zu schwerfällig, zu alt, zu komplex.
Hinter ihm schieben sich in einer langen Reihe alle vom System Unterjochten vorwärts. Hastig füllen sie mit dem Kugelschreiber Formulare aus.
Einige sind ganz kopflos, weil die Frist abgelaufen ist.
Andere verlieren die Nerven, weil ihnen eine offizielle Bescheinigung fehlt. Einige versuchen, sich den Hals etwas freizumachen, wenn es zu unbequem wird.

Das System kommt näher.
Es streckt dir ein eisernes Halsband entgegen, das dich an die Kette all derer, die bereits seine Gefangenen sind, binden soll.
Es kommt näher in dem Wissen, daß alles ganz automatisch ablaufen wird und du weder die Wahl noch ein Mittel hast, es zu verhindern.
Du fragst, was du tun sollst. Ich antworte dir, daß man gegen das System eine Revolution machen muß. Eine was?

EINE REVOLUTION.
Darauf bindest du dir ein rotes Band um den Kopf, du greifst dir die erstbeste Fahne, die herumliegt, und du schwingst sie hin und her, wobei du schreist: »Nieder mit dem System.« Ich fürchte, du irrst dich.
Indem du so handelst, hast du nicht nur keine Chance zu gewinnen, sondern du stärkst das System noch.
Schau, gerade hat es die Ketten um die Hälse um ein Glied verengt mit dem Vorwand, dies zur Verteidigung gegen »deine« Revolution tun zu müssen. Die Angeketteten danken es dir nicht gerade.
Vorher hatten sie noch einen kleinen Funken Hoffnung, das Metall durch Drehen weiten zu können. Deinetwegen ist es nun noch schwieriger. Von nun an hast du nicht nur das System, sondern alle Angeketteten gegen dich. Und diese Fahne, die du schwingst, ist sie wirklich »deine«?
Tut mir leid, ich hätte dich warnen sollen. Das System ernährt sich von der Energie seiner Gegner. Manchmal stellt es ihre Fahnen her und streckt sie ihnen dann entgegen. Du bist in die Falle gegangen! Aber sei unbesorgt: Du bist nicht der erste. Was ist nun zu tun, sich zu unterwerfen? Nein.
Du bist hier, um zu lernen, wie man gewinnt, und nicht, um zu resignieren.
Es wird wohl notwendig sein, daß du dir gegen das System eine andere Form der Revolution einfallen läßt.
Ich schlage dir vor, daß du ein Schreiben ausklammerst.

Mache deine persönliche (R-) Evolution, statt die Revolution der anderen zu machen. Entwickle dich selbst weiter, statt zu wollen, daß die anderen perfekt sind. Suche, erforsche, sei erfinderisch. Die Erfinder sind die wahren Rebellen! Dein Gehirn ist der einzige Bereich, den es zu erobern gilt. Leg dein Schwert ab. Sag dich von jeglicher Neigung zu Gewalt, Rache oder Mißgunst los.
Anstatt diesen umherziehenden Koloß, an dem sich schon alle die Zähne ausgebissen haben, zu zerstören, solltest du etwas Erde nehmen und deinen eigenen Bau in einer Ecke errichten. Erfinde etwas. Erschaffe etwas. Schlag etwas anderes vor.
Selbst wenn es am Anfang nur einem Schloß aus Sand gleicht, ist dies doch die beste Methode, diesen Gegner anzugreifen. Sei ehrgeizig.
Versuche, dein eigenes System besser werden zu lassen als das bestehende System. Automatisch wird das alte System überholt sein.
Nur weil niemand etwas Interessantes vorschlägt, erdrückt das System die Menschen. Heutzutage gibt es einerseits die Kräfte der Unbeweglichkeit, die Kontinuität wollen, und andererseits die reaktionären Kräfte, die dir aus Gründen der Nostalgie vorschlagen, gegen die Unbeweglichkeit zu kämpfen, um zu den archaischen Systemen zurückzukehren. Sieh dich vor diesen beiden Sackgassen vor. Zwangsläufig gibt es einen dritten Weg, der darin besteht, etwas ganz Neues zu tun. Finde ihn.
Greif das System nicht an, sorge dafür, daß es veraltet.
Los, bau schnell.
Rufe dein Symbol, und bring es in dein Schloß aus Sand.
Bring alles, was du bist, mit ein: deine Farben, deine Musik, deine Bilder und deine Träume. Schau.
Das System beginnt nicht nur, Risse zu bekommen, sondern es kommt sogar, um sich deine Arbeit anzuschauen. Das System ermutigt dich weiterzumachen.
Das ist das Unglaubliche.
Das System ist nicht »schlecht«, es ist veraltet. Das System wird sich seines eigenen Alters bewußt.
Es hat seit langem darauf gewartet, daß jemand wie du den Mut hat, etwas anderes vorzuschlagen.
Die Angeketteten beginnen, untereinander zu diskutieren.
Sie sagen sich, daß sie genauso handeln können. Unterstütze sie dabei.
Je mehr Neues hervorgebracht wird, desto mehr wird das alte System auf seine Vorrechte verzichten müssen.

KAMPF GEGEN DIE KRANKHEITEN

Und hier nun dein zweiter Gegner. Man möchte sagen eine Armee kleiner, dunkler Krabben.
Einige verbreiten Mundfäule, Halsschmerzen, Fieber, rote Augen, Sodbrennen, Rheuma, Schuppenflechte.
Andere erzeugen Niesen, Husten, Verschleimtsein, Schleimauswürfe, Juckreiz, Eiterbläschen, Zuckungen...
Um nur einige gesundheitliche Probleme zu nennen.
Du wirst sie weder mit dem Schwert noch mit Sand überwinden können. Rufe dein Immunsystem zu Hilfe.
Daraufhin kommen Tausende kleiner, hellbeiger Krabben aus deinen Nasenhöhlen und au^deinem Mund.
Es sind Elitetruppen im Kampf gegen die Krankheiten. Die beiden Armeen gehen aufeinander zu. Auf der einen Seite die Krankheiten. Auf der anderen deine Lymphozyten. Und jeder Lymphozyt stellt sich im Zweikampf einer Krankheit. Sporne sie aus der Ferne an. Laß die unterdrückten Gefühle heraus. Nutze die Komplexität deiner inneren Chemie. Dein Körper kann sein eigenes Morphium produzieren, sein Gerinnungsmittel, sein Desinfektionsmittel, seine Entzündungshemmer.
Denke daran.
Möglicherweise bist du im Kampf gegen die Krankheit stärker, als du glaubst. Wenn deine Armee nicht ausreicht, werde ich dir eine andere Taktik vorschlagen. Kämpfe, indem du dich zurückziehst. Und statt die Krankheiten zerstören zu wollen, solltest du deine gesunden Bereiche stärken. Schließlich erweisen sich einige Krankheiten, die im Zweikampf mit deinen Lymphozyten unschlagbar sind, als unfähig, auf gesundes Terrain vorzudringen.
Dort tötet ein Nichts sie.
Sie versuchen einen letzten, verzweifelten Angriff. Daraufhin metzelst du sie alle nieder, indem du sie mit deinem Fieber verbrennst.

KAMPF GEGEN PECH

Dein dritter Gegner ist das Pech. Es ist ein grauer Nebel. Dagegen kannst du wirklich nichts tun. Tut mir leid.
Also legst du dich auf die Erde und läßt dich von ihm einhüllen.
Du weißt, daß es über dich herfallen wird, wenn du dich bewegst.
Du verharrst unbeweglich, du denkst an nichts, du wartest, bis es vorüber ist. Pech kann dir keine Angst machen. Akzeptiere, daß du nicht immer gewinnen kannst. Akzeptiere das Pech als ein Element, das den Ausgang eines Kampfes bestimmen kann. Das Pech ist kein Feind. Ganz wie der Regen ist es ein Mitt^ c^d-ch das du die schöne Zeit erst zu schätzen weißt. Pech zu haben ermöglicht es dir, dich zu hinterfragen und dich weiterzuentwickeln. Akzeptiere deine Ohnmacht dem Pech gegenüber. Mach einen Buckel.
Spüre, wie es über deinen Körper rutscht. Hier ist derjenige der wahre Kämpfer, der auf den Kampf verzichten kann.
Der wahre Kämpfer ist außerdem der, der verlieren kann.
Selbst die Niederlage ist unabdingbar für dich, um weiterzukommen.

KAMPF GEGEN DEN TOD

Der vierte Gegner ist der Tod. Höchstpersönlich.
Er erscheint wie in den Mythologien als Skelett, das in einen zerrissenen Mantel gehüllt ist. Er schwingt eine große, rostige Sense. Er riecht nach Aas.
Und sein Schädel, der von der Kapuze seines Mantels bedeckt ist, läßt dir mit den leeren Augenhöhlen das Blut in den Adern gefrieren. Der Tod spricht mit unangenehmer, dünner, spitzer Stimme zu dir.
Er sagt dir, daß ihr Menschen nicht mehr mit ihm umgehen könnt, und deshalb tut ihr so, als gäbe es ihn nicht.
Alle möchten glauben machen, daß die neue Generation von dieser kleinen »Formalität« verschont werde. Ihr habt unrecht, ihn zu einem Tabu zu machen. Der Tod sagt, wenn früher ein Großvater starb, dann sahen seine Enkel das langsame Dahinsiechen des Alten. Heutzutage kommt der Großvater ins Krankenhaus, und dann sieht man ihn nicht mehr bis zu dem Tag, an dem das Telefon klingelt und mitgeteilt wird, daß »es vorbei ist«. Was ist vorbei? Das Warten der Erben? Der Streß zu wissen, daß es ihm nicht gutgeht? Die Bürde, alle Formalitäten mit der Krankenkasse zu regeln? Resultat: Niemand weiß mehr, was der Tod eigentlich ist, und wenn er kommt, hat man Angst vor diesem großen Unbekannten. Ebenso das Kino, das ständig Szenen voller-Massaker und Greueltaten zeigt, so daß im -schließlich glaubt, gegen den Tod immun zu sein. Diese Art von Mut ist falsch. Man kann den Tod nicht zähmen. Man kann lediglich versuchen, sich mit ihm vertraut zu machen.
Einigen Stammesgesellschaften gesteht er zu, einen gewissen Kult um ihn aufrechtzuerhalten. Dort werden die Kinder dazu erzogen, ihn zu akzeptieren und zu respektieren. Dort gibt es noch Todesrituale. Das ganze Dorf wohnt dem Fortgang des Verstorbenen bei, und die Trauerzeit hat noch ihren Sinn.
Doch diese Rituale werden immer seltener. Der Tod streckt seine feinen Glieder aus und schickt sich an, dich zu berühren.
Es schaudert dich.
Doch er läßt von seiner Geste ab. Er möchte dich noch etwas lehren, bevor er dich mitnimmt. Er klagt an. Dadurch, daß ihr eure sterbliche Hülle in luftdicht verschlossenen Särgen versteckt, können die Maden euch nicht einmal mehr fressen. Euer totes Fleisch dient nicht mehr der Fruchtbarkeit des Bodens und kehrt nicht mehr in den Kreislauf der Natur zurück. Die Menschen müssen begreifen, was für ein großer Fehler es ist, ihn nicht zu akzeptieren. Der Tod will, daß sein »Nutzen für die Öffentlichkeit« anerkannt wird.
Warum nicht in seinem Sinne handeln? Werde dir deiner Angst zu sterben bewußt. Und vergeistige sie.
Analysiere, was dich an der Tatsache zu verschwinden stört. Vielleicht hast du Angst um deine Freunde, deine Liebschaften, deine materiellen Güter... Vielleicht hast du Angst, das, was du tun solltest, nicht verwirklicht zu haben. Vielleicht hast du Angst, für das, was du in der Vergangenheit an Schlechtem getan hast, bezahlen zu müssen.
Vielleicht hast du Angst zu leiden. Vielleicht hast du Angst, in äieJHölie zu kommen. Und schließlich macht dir der Tod durch die Tatsache angst, daß jemand von deiner Bedeutung nicht mehr existiert... Der Tod kommt näher.
Jetzt oder nie mußt du deine geheime Waffe hervorholen: deinen Humor.
Du erzählst ihm einen Witz. Überrascht hält der Tod inne. Einen Witz hört man immer gern. Du erzählst ihm die beste lustige Geschichte, die du kennst.
Der Tod spürt, daß er gleich lachen muß. Nicht die Qualität deiner Geschichte bringt ihn dazu, laut aufzulachen, sondern die Tatsache, daß sie in diesem Moment so unpassend ist.
Um Haltung zu bewahren, zieht er sich lieber zurück.
Du hörst, wie er sich beim Davongehen lauthals lacht.
Humor ist stärker als der Tod!




 

Enzyklopädisches Wissen Edmund Wells

Bald hier zu lesen !!!

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